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Was ist Wissen? Von der klassischen Definition zum Gettier-Problem

·862 Wörter·5 min·
Studium der Philosophie - Dieser Artikel ist Teil einer Serie.
Teil 2: Dieser Artikel

Einstieg in die Erkenntnistheorie
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Jeder von uns weiß doch, dass ein Hund ein Tier ist, dass Wasser nass ist oder dass die Erde rund ist. Aber was genau unterscheidet eine bloße Meinung von Wissen? Die Philosophie hat darauf eine jahrhundertealte Antwort.

Wissen ist eine wahre, gerechtfertigte Überzeugung.

Diese sogenannte klassische Analyse des Wissens schien lange Zeit unerschütterlich, bis 1963 der Philosoph Edmund Gettier mit einem nur drei Seiten langen Aufsatz die Grundfesten der Erkenntnistheorie erschütterte. Er zeigte, dass selbst wahre und gerechtfertigte Überzeugungen kein Wissen sein können, wenn die Wahrheit nur zufällig eintritt. Dieses Problem, das sogenannte Gettier-Problem, steht im Zentrum der modernen Erkenntnistheorie. Bevor wir es genauer verstehen können, müssen wir uns jedoch klarmachen, was die klassische Analyse eigentlich besagt.

Wissen als wahre, gerechtfertigte Überzeugung
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Die klassische Analyse des Wissens basiert auf drei Säulen:

  1. Überzeugung: Man kann nicht wissen, was man nicht glaubt. Wissen setzt eine innere Übernahme des propositionalen Gehalts voraus.

  2. Wahrheit: Wissen ist faktiv. Es wäre ein Widerspruch zu sagen: “A weiß, dass p, aber p ist nicht wahr.”

  3. Rechtfertigung: Eine wahre Überzeugung allein reicht nicht aus. Die Person muss gute Gründe haben, die ihre Überzeugung stützen. Rechtfertigung ist wahrheitszuträglich, das heißt sie bietet eine Gewähr dafür, dass die Überzeugung wahr ist.

Diese drei Bedingungen sind notwendig und wurden lange Zeit auch als gemeinsam hinreichend für Wissen angesehen. Doch hier setzt Gettiers Einwand an.

Was ist das Gettier-Problem?
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Das Gettier-Problem entsteht, weil die klassische Analyse eine entscheidende Schwachstelle hat: Epistemisches Glück. Eine Person kann eine vollkommen gerechtfertigte Überzeugung haben, basierend auf besten verfügbaren Gründen und ihre Überzeugung kann tatsächlich wahr sein. Wenn die Wahrheit jedoch aus einem zufälligen, von der Rechtfertigung unabhängigen Grund eintritt, dann haben wir kein Wissen, sondern eine “gerechtfertigte wahre Überzeugung mit einem Schuss Glück”.

In solchen Gettier-Fällen gilt: Die Überzeugung ist wahr, die Person ist gerechtfertigt, aber die Rechtfertigung stützt die Wahrheit nicht. Genau das untergräbt den Anspruch auf Wissen.

Die Struktur dieser Fälle ist immer ähnlich: Erstens gibt es epistemisches Pech, die Person stützt sich auf eine falsche Prämisse oder irreführende Wahrnehmung. Zweitens gibt es epistemisches Glück, die Überzeugung ist dennoch wahr, aber nicht wegen der Rechtfertigung. Dies zeigt, dass die klassische Analyse nur notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen für Wissen liefert.

Konsequenzen für die Rechtfertigung
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Das Problem offenbart eine zentrale Spannung in unserem Rechtfertigungsbegriff. Einerseits brauchen wir persönliche Rechtfertigung, die Person muss vernünftig im Lichte ihrer verfügbaren Informationen handeln. Andererseits reicht das allein nicht aus. Gettier-Fälle zeigen, dass zusätzlich eine sachliche Angemessenheit oder adäquate Fundierung vorliegen muss. Die Gründe, auf die sich die Person stützt, müssen tatsächlich wahrheitsfördernd sein und zwar in der konkreten Situation, nicht bloß generell.

Diese Unterscheidung führt zu einer weiteren Grundsatzfrage der Erkenntnistheorie: dem Gegensatz zwischen Internalismus und Externalismus. Der Internalismus vertritt die Auffassung, dass wissensstiftende Faktoren der Person direkt kognitiv zugänglich sein müssen, Wissen erfordert Begründbarkeit aus der eigenen Perspektive. Der Externalismus dagegen argumentiert, dass auch Tiere und Kleinkinder Wissen haben können, ohne ihre Gründe angeben zu können, es genügt, dass die Überzeugung auf einem zuverlässigen Prozess beruht.

Beide Positionen bieten unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie das Gettier-Problem zu lösen sei.

Lösungsstrategien im Überblick
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Die Philosophie hat auf Gettiers Herausforderung mit vier großen Strategien reagiert:

1. Vierte-Bedingung-Theorien: Diese Ansätze bleiben der klassischen Analyse treu, fügen aber eine zusätzliche Bedingung hinzu, um das epistemische Glück auszuschließen. Zum Beispiel: “Keine falschen Prämissen” oder “Unanfechtbarkeit”. Das Problem solcher Bedingungen ist, dass sie oft entweder zu stark sind (und zu viel ausschließen) oder zu unklar bleiben.

2. Externalistische Ansätze: Statt auf subjektive Rechtfertigung zu setzen, suchen sie nach objektiven Faktoren. Die kausale Theorie (Goldman) fordert, dass die Tatsache die Überzeugung kausal verursachen muss. Der Reliabilismus verlangt einen zuverlässigen Erkenntnisprozess. Nozicks Truth-Tracking-Kriterium fordert, dass die Person die Überzeugung nicht hätte, wenn sie falsch wäre. Hier stellt sich allerdings das sogenannte Problem der Allgemeinheit: Welcher Prozesstyp ist der richtige? Zu allgemein gefasst, ist jeder Prozess zuverlässig; zu spezifisch gefasst, ist keiner es.

3. Tugendepistemologie: Dieser Ansatz rückt die epistemische Kompetenz der Person ins Zentrum. Wissen ist eine gelungene kognitive Leistung. Sosas AAA‑Modell spezifiziert drei Bedingungen: Accuracy (die Überzeugung ist wahr), Adroitness (sie wurde kompetent gebildet) und Aptness (sie ist wegen der Kompetenz wahr). Gettier-Fälle scheitern an Aptness: Die Wahrheit entsteht nicht durch Kompetenz, sondern durch Zufall.

4. Kontextualismus: Diese Theorie vertritt, dass die Wahrheit von Wissenszuschreibungen vom Kontext abhängt. Im Alltag gelten niedrige Standards, wir schreiben schnell Wissen zu. Im skeptischen Kontext hingegen gelten sehr hohe Standards, Wissen wird kaum zugeschrieben. Gettier-Fälle werden dadurch entschärft, weil die Relevanz alternativer Möglichkeiten kontextabhängig ist.

Fazit
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Das Gettier-Problem hat gezeigt, dass die klassische Analyse des Wissens zwar notwendig, aber nicht hinreichend ist. Das Kernproblem ist epistemisches Glück, die zufällige Übereinstimmung von Überzeugung und Wahrheit. Die Philosophie hat vier große Reaktionsrichtungen entwickelt: interne Ergänzungen, externe Faktoren, tugendbasierte Modelle und kontextabhängige Wissensstandards. Bis heute gibt es keine allgemein akzeptierte Lösung, aber die Debatte hat die Erkenntnistheorie grundlegend verändert.

Eine entscheidende Erkenntnis ist dabei, dass Wissen nicht nur eine Frage interner Rechtfertigung ist, sondern auch externer, objektiver Faktoren bedarf. Die Frage “Was ist Wissen?” ist damit offener denn je und genau das macht sie philosophisch so spannend.


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Quelle: Image by freepik

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Tristan
Senior Software Engineer, Philosophie-Enthusiast, Mentor
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Teil 2: Dieser Artikel