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Quelltext #1 - Grüner Tee & Discord-Exodus

·1119 Wörter·6 min·
Quelltext - Dieser Artikel ist Teil einer Serie.
Teil 1: Dieser Artikel

Worum geht es in dieser Serie
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Es gibt jede Woche mehr interessante Entwicklungen in der Open-Source-Welt, als ich in einem Artikel unterbringen könnte – aber ich versuche es trotzdem. In dieser Serie fasse ich zusammen, was mich in der jeweiligen Woche beschäftigt hat: neue Releases, kontroverse Entscheidungen, Trends, die sich langsam abzeichnen.
Der Blickwinkel ist immer mein eigener – subjektiv, manchmal meinungsstark, aber immer neugierig. Wer einen nüchternen Newsfeed sucht, wird woanders besser bedient. Wer wissen will, was einen Linux-affinen Entwickler gerade umtreibt, ist hier richtig.

Den Namen Quelltext habe ich gewählt, weil er für mich zwei Dinge auf einmal beschreibt: die Welt, über die ich schreibe – Software, Code, Open Source – und das, was diese Serie sein soll: verlässliche Informationen, aber auch ein Einblick in das, was diese Themen in mir auslösen.

Cosmic Desktop - Epoch 2 & 3 Roadmap vorgestellt
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System 76 haben ihre Roadmap für den Cosmic Desktop1 der nächsten 12 - 18 Monate vorgestellt. Der Cosmic Desktop ist als Rolling Release geplant, daher sollen fertiggestellte Features wochenweise verteilt werden.

Highlights - Epoch 2
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Bereich Änderungen
Performance & Rendering Reaktives Rendering (60–80 % weniger CPU), neuer Vulkan Renderer, Gaming‑Optimierungen
Desktop & Workflow libcosmic‑Rewrite, IME, Animationen, Hot Reloading, Time‑Travel Debugging, Clipboard‑Manager, COSMIC Sync
Look & Feel Live Wallpapers, neue Shortcuts, Accessibility‑Upgrades

Highlights - Epoch 3
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Bereich Änderungen
Animationen & Workspace Flüssigere Workspace‑Übergänge, verbesserter App‑Launcher, Feinschliff bei Animationen
Display & Input HDR, Night Light, Gamepad‑Support, Touchpad‑Gesten, Session Restore
Theming Neues Theming‑System, Shader‑Anpassungen, automatisches Theme‑Matching
Apps Verbesserungen an COSMIC Files, Store, Player und Edit; Flatpak‑Permissions‑GUI; Fingerprint‑Support

Meine Meinung
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Das Linux-Ökosystem lebt von Vielfalt – und Cosmic ist dafür ein besonders spannendes Beispiel: modern, durchdacht, und noch mitten in der Entwicklung.

Seit einigen Wochen nutze ich Cosmic selbst als täglichen Treiber und kenne seine aktuellen Schwächen daher aus erster Hand.

Umso gespannter bin ich auf das, was die Roadmap verspricht. Ganz oben auf meiner persönlichen Wunschliste stehen die Performance-Verbesserungen: 60–80 % weniger CPU-Last, das ist bei einem so jungen Projekt sicherlich nicht ungewöhnlich und doch wäre das ein riesiger Sprung.
Dazu kommt der Clipboard-Manager, dessen Fehlen mich im Alltag doch etwas stört, und die Verbesserungen an COSMIC Files, das durchaus noch einige Features vermissen lässt.
Für mein Setup freue ich mich außerdem auf den Vulkan Renderer, der nochmal bessere Performance verspricht, vor allem für AMD Grafikkarten. Und zu guter Letzt Night Light, was ich unter KDE immer gerne genutzt habe.


Go 1.26 Release
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Go 1.262 bringt eine Mischung aus Sprachverbesserungen, Performance‑Upgrades und neuen Tools – und einige davon werden den Alltag vieler Entwickler spürbar verändern.

Go 1.26 – Highlights
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Bereich Änderungen
Sprache new() akzeptiert Ausdrücke; Generics erlauben selbstreferenzierende Type‑Parameter
Performance Green Tea GC standardmäßig aktiv; 30 % weniger cgo‑Overhead; mehr Stack‑Allokationen
Tools Neues go fix mit Modernizers; Inline‑Analyzer; neue Crypto‑Pakete (hpke, mlkem, cryptotest)

Meine Meinung
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Technisch am interessantesten finde ich den „Green Tea" Garbage Collector. Die Kernidee – seitenweise statt objektweise arbeiten – klingt simpel, aber der offizielle Blogartikel der Go-Entwickler zeigt, wie viel Arbeit dahinter steckt: von den Microarchitektur-Problemen des klassischen Mark-Sweep-Algorithmus bis hin zur AVX-512-Vektorisierung.

Wer sich für die Details interessiert, dem empfehle ich einen Blick in The Green Tea Garbage Collector.

Gefreut hat mich auch das neue go fix. Automatische Code-Migrationen klingen unspektakulär, sind aber für größere oder langlebige Projekte ein richtig nützliches Feature.


Godot Engine 4.6 Release
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Godot 4.6 ist erschienen3 – und das Release-Motto “It’s all about your flow” trifft es gut. Es geht weniger um neue Kernfeatures als viel mehr um “Quality-of-Life‑Features”.

Godot 4.6 – Highlights
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Bereich Änderungen
Editor & Workflow Neues Docking‑System, floatbare Panels, Modern Theme, Drag‑and‑hover Tab‑Switching, klickbare Fehlermeldungen
Physics Jolt Physics als Standard für neue 3D‑Projekte
Rendering & Animation SSR‑Overhaul, neues IK‑Framework (TwoBoneIK, FABRIK, CCDIK)
Architektur LibGodot als einbettbare Library; Unique Node IDs für robustere Refactorings

Meine Meinung
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Ich verfolge Godot seit Jahren und nutze es regelmäßig für kleine Projekte. Genau deshalb freue ich mich über die großartige Arbeit, die das Team und die Community hier leistet.

Das neue Docking-System ist so ein Fall. Wer viel im Editor arbeitet, kennt das: Man arrangiert seine Panels, öffnet ein neues Fenster, und plötzlich ist alles verschoben. Floatbare Panels klingen unspektakulär, sind aber ein echter Qualitätsgewinn.

Dazu kommt das neue „Modern" Theme, nach Jahren mit dem gleichen Editor-Look ist das eine willkommene Auffrischung. Ein Interface, das gut aussieht, macht für mich tatsächlich einen Unterschied: Man verbringt viel Zeit darin und ein aufgeräumtes, modernes Design senkt unterschwellig die kognitive Last.


Filen – Änderung bei kostenlosen Accounts
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Filen, der datenschutzorientierte Cloud-Speicher, führt eine Änderung bei der Registrierung neuer kostenloser Accounts ein.

Was ändert sich
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Neue Accounts erhalten die kostenlosen 10 GB nur noch, wenn die Registrierungs-IP wie ein normaler Consumer-Anschluss aussieht. VPN-Nutzer können weiterhin einen Account erstellen, starten aber ohne freien Speicher – es sei denn, sie upgraden. Bestehende Accounts sind nicht betroffen.

Warum
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Filen begründet den Schritt mit einem starken Anstieg von Missbrauch: automatisierte Massenaccounts, kriminelle Nutzung und VPN-basierte Multi-Accounting-Netzwerke haben das Ausmaß erreicht, wo es den Dienst und reguläre Nutzer spürbar belastet. Abuse-Reports, Reputationsrisiken und DNS-Blocklisten wie Quad9 sind die konkreten Folgen.

Meine Meinung
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Ich finde die Entscheidung nachvollziehbar. Filen positioniert sich als Privacy-First-Dienst und genau das macht den Missbrauch durch VPN-Netzwerke so attraktiv. Filen steht vor der Wahl, entweder den Dienst gefährden oder gezielt eingreifen.

Die Lösung ist ein Kompromiss, aber ein fairer. VPN-Nutzer werden nicht ausgesperrt, sie verlieren nur den automatischen Anspruch auf kostenlosen Speicher. Wer Filen ernsthaft nutzen möchte, kann das weiterhin mit oder ohne VPN.

Flathub-Trends: Auf der Suche nach Discord-Alternativen #

Die aktuellen Flathub-Trends zeigen einen auffälligen Schwerpunkt: Revolt (jetzt Stoat), Element, FluffyChat, Cinny und sogar TeamSpeak tauchen prominent auf – alles Messenger und Kommunikationsplattformen, die als Discord-Alternativen gehandelt werden. Das kommt nicht von ungefähr.

Discord hat kürzlich einschneidende Änderungen angekündigt, die in einigen Ländern bereits umgesetzt werden. Ab März sollen alle Nutzer standardmäßig als „Teen" eingestuft werden, mit entsprechend eingeschränkten Funktionen. Wer nachweisen möchte, dass er volljährig ist, muss sich per Ausweis verifizieren.

Das wirft berechtigte Fragen auf. Discord ist kein Dienst, der für Transparenz oder Datenschutz bekannt ist und die Datenleaks der letzten Jahre liegen noch nicht lange zurück. Die Kombination aus Ausweispflicht und einer Plattform mit fragwürdiger Sicherheitsbilanz ist für viele Nutzer schwer zu akzeptieren.

Vielleicht ist genau das der Moment, um offene Alternativen ernsthafter zu testen. Die Flathub-Zahlen legen nahe, dass einige Nutzer damit bereits losgelegt haben.


Schluss
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Das war die erste Ausgabe von Quelltext. Was die nächste Woche bringt, weiß ich noch nicht, aber die Open Source Welt ist immer in Bewegung und so bin ich mir sicher, dass es auch nächste Woche wieder Interessantes zu berichten gibt.


Quellenangaben
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  • Vorschaubild: Erstellt mit ChatGPT
 Author
Autor
Tristan
Senior Software Engineer, Philosophie-Enthusiast, Mentor
Quelltext - Dieser Artikel ist Teil einer Serie.
Teil 1: Dieser Artikel